Trotz Pandemie: Sex ist ein Grundbedürfnis

Die Landespräventionsprojekte für Männer, die Sex mit Männern haben, (MSM) Herzenslust NRW, „HESSEN IST GEIL!“ und „SVeN – Schwule Vielfalt erregt Niedersachsen“ setzen sich in einer gemeinsamen Stellungnahme für eine sexualfreundlichere Haltung bei der Einführung von Maßnahmen zur Begrenzung der COVID-19-Pandemie ein.

Die meisten beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gingen an der Lebensrealität von vielen Menschen vorbei. „Der heteronormative Ansatz geht davon aus, dass Menschen eine eigene Familie haben und Sex nur mit der*dem Partner*in stattfindet,“ kritisiert Andreas Paruszewski, Landeskoordinator von SVeN. Die Realität sei aber, dass die Zahl der Menschen, die allein leben, steigt. Aber nicht nur Singles seien von den Kontaktbegrenzungen besonders betroffen, viele queere Menschen haben eine Wahlfamilie aus Freund*innen, da sie meistens keine eigene Familie haben oder der Kontakt zur leiblichen Verwandtschaft reduziert sei. Andreas Paruszewski betont: „Epidemiologisch ist es sinnvoll, die Anzahl der Kontakte zu begrenzen. Dem Virus ist es dabei egal, ob ich mit jemanden verwandt bin oder nicht. Die Unterscheidung ist Unsinn.“

Die Projekte betonen, dass Menschen, die weiterhin Sex-Dates haben, sich dafür nicht rechtfertigen müssen. „Die Forderung aus der frühen Aids-Krise ‚Keine Rechenschaft für Leidenschaft‘ ist auch auf die aktuelle Situation übertragbar“, sagt Björn Beck, Landeskoordinator von „HESSEN IST GEIL!“, und weist darauf hin, dass sexuelles Verlangen und ein schlechtes Gewissen eine unheilvolle Kombination seien. Marcel Dams, Landeskoordinator von Herzenslust, unterstreicht dies: „Sexualität dient der Erfüllung psychosozialer Bedürfnisse und darauf können die meisten Menschen nicht auf lange Zeit verzichten.“

„Viele unserer Präventionsbotschaften sind auf COVID-19 übertragbar“, sagt Björn Beck. „Genau wie bei HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) geht es nicht um die 100%ige Verhinderung von Infektionen, sondern um eine Risikominimierung und eine eigenverantwortliche Entscheidung.“ Daher brauche es zielgruppenspezifische Botschaften, wie auch das Ausleben der Sexualität mit dem Schutz vor einer Corona-Infektion zusammengebracht werden kann. Die Tabuisierung von Sexualität führt nicht zu einem Verzicht auf Sex, sondern erschwert die Kommunikation darüber. Aus der HIV- und STI-Prävention haben wir gelernt, dass offene Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg ist und so die Weitergabe von Infektionen verhindert werden kann.

Die drei Präventionsprojekte fordern, dass Orte und andere Strukturen, an denen MSM bzw. queere Menschen ihre Sexualität ausleben, finanziell abgesichert werden müssen. Gerade (Sex-)Clubs leiden besonders, da sie die ersten waren, die schließen mussten und voraussichtlich die letzten sein werden, die wieder öffnen dürfen. „Die allgemeinen Corona-Hilfen für Unternehmen sind nicht ausreichend“, kritisiert Marcel Dams und er befürchtet: „Der Zugang für HIV-Prävention zur Zielgruppe wird in Zukunft schwerer, wenn die Strukturen wegbrechen. Hier darf nicht aus sexualmoralischen Überlegungen gespart werden, sonst setzt man die Gesundheit vieler Menschen und die Nachhaltigkeit unserer Arbeit aufs Spiel!“

Die drei Projekte fordern, dass Bars, Kneipen, Saunen und Cruising Clubs, sobald sich das Infektionsgeschehen beruhigt, mit vernünftigen Hygienekonzepten wieder geöffnet werden sollen. Hierbei sollte körperliche Nähe und Sexualität nicht zur Schließung führen.

„Eine gut organisierte Kontaktverfolgung ist ein effektiverer Schutz als der Versuch (Sex-)Kontakte in dieser Form zu unterbinden. Sexualität ist ein Grundbedürfnis und lässt sich nicht verbieten, nur mit fatalen Folgen tabuisieren. Das darf in einer offenen Gesellschaft nicht passieren!“ appellieren Beck, Dams und Paruszewski abschließend an Entscheidungsträger*innen in der Politik.