Ein Mann, drei Leben

Als Franz Karl Diestel 1933 zur Welt kam, wurden Homosexuelle in Deutschland verfolgt. Auch heute kann es mitunter beschwerlich sein, sich als schwuler Mann zu erkennen zu geben. Vor allem dann, wenn man drei erwachsene Kinder und eine Enkeltochter hat. Und in einem Dorf in der Nähe Hildesheims lebt.

Wo fängt man an, wenn man das Leben eines schwulen Mannes ausbreiten will, der sich eigentlich gar nicht so gern im Mittelpunkt sieht? Der einen großen Teil seines Lebens offen für die Gleichberechtigung gekämpft hat. Aber der auch Zeit seines Lebens unter diesem Kampf zu leiden hatte. Weil er seine Liebe zu Männern spät erkannte. Und weil es viele Menschen gibt, die sich bis heute nicht damit abfinden wollen. Genauer gesagt: Es wohl nicht verstehen können. Wo also beginnt man, wenn man von Franz Karl Diestel und seinem beschwerlichen Weg in die Gegenwart berichten will?

Am besten ganz am Anfang. Diestel wurde 1933 geboren, dem Jahr, in dem die Deutschen Adolf Hitler zu ihrem Reichskanzler wählten – und damit jenen Mann, der während des Nationalsozialismus nicht nur Juden, Sinti und Roma sowie Andersgläubige in Konzentrationslager sperren und mitunter ermorden ließ, sondern eben auch Homosexuelle. „Adolf hätte dich vergast“, hat einer seiner Brüder ihm einmal an den Kopf geworfen. Das war im Jahr 1987, dem Jahr, in dem Diestel seine Homosexualität öffentlich machte. „Du trittst den Namen unserer Familie in den Dreck“, sagte der Bruder. Auch wenn sich solch harten Worte in der Familie nicht wiederholt haben: Die familiäre Ablehnung verfolgt Diestel bis heute.

Der 87-Jährige sitzt im Wintergarten seines Hauses am Rande von Diekholzen und erzählt von seinem Leben. Es ist angenehm warm in dem verglasten Anbau, wenige Meter entfernt plätschert im Wohnzimmer ein kleiner Brunnen vor sich hin. Diestel trägt ein T-Shirt, darüber ein offenes gestreiftes Hemd. Auf dem Tisch stehen Kekse, daneben eine Kanne Kaffee. Wenn man an dem 87-Jährigen vorbei ins Freie schaut, sieht man einen weitläufigen Garten, dem man die regelmäßige Pflege und den Schöngeist seiner Besitzer ansieht. Der Garten ist voller Pflanzen und selbst gefertigter Kunstwerke. Der Rasen getrimmt, in den Beeten glänzen trotz der herbstlichen Temperaturen immer noch Rosen und Sonnenblumen.

Der zweite Schöngeist im Haus ist Diestels Ehemann Andreas. Die beiden sind seit 27 Jahren ein Paar. Erst befreundet, dann verpartnert – und seit 2018 verheiratet. Bei der Hochzeit war Diestel bereits 85 Jahre alt. Das ist ohne Frage ein großer Liebesbeweis. Aber es ist auch ein Signal an die Gesellschaft. Und es passt zum menschlichen Werdegang, den Diestel auf seinem Weg zu jenem Tag im Diekholzener Standesamt zurücklegen musste.

Die ersten Jahrzehnte seines Lebens gestalteten sich so, wie viele es sich wohl vorstellen: Kindheit in Klein Escherde, Schule in Hildesheim, landwirtschaftliche Lehre in Jeinsen. Dann der Wunsch, noch mehr aus seinem Leben zu machen. Er besucht die höhere Handelsschule, wird Inspektor-Anwärter bei der Bezirksregierung, im Jahr 1962 Regierungsinspektor, es folgen verschiedene Tätigkeiten für Landesämter und -ministerien – der berufliche Werdegang von Franz Karl Diestel ist beachtlich.

Etwa zur Zeit der Anwartschaft lernt er bei einem Tanzvergnügen im Berghölzchen eine Frau kennen. Als er 27 Jahre alt ist, heiraten die beiden, bekommen nach und nach drei Kinder. Wenn man einen gutbürgerlichen Kreislauf beschreiben wollte, man könnte wunderbar dieses Beispiel aus dem Hildesheimer Land heranziehen. Nur: Nach einigen Jahren bemerkt Diestel, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Und irgendwann macht er daraus auch kein Geheimnis mehr. „Wir waren 27 Jahre verheiratet, 18 davon war es ein Thema“, sagt Diestel. Er machte reinen Tisch. Aber das ist leichter gesagt als getan.„Es gehört viel Mut dazu, sich zu bekennen.“

Auf Außenstehende kann es befremdlich wirken, wenn ein 87-Jähriger vom Wandel seines Liebeslebens spricht. Diestel sitzt in seinem Wintergarten und erzählt sehr ruhig und besonnen. Seine Worte wirken ehrlich, und das sind sie vermutlich auch, denn ein Coming-out, das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität, erfordert wohl Ehrlichkeit bis zur Schmerzgrenze.

Die ist heute ganz schnell dann erreicht, wenn es um seine frühere Familie geht. Die Ex-Frau, ihre gemeinsamen Kinder und die Enkeltochter. Am liebsten wäre es Diestel, wenn man gar kein Wort darüber verliert. Aber diese Geschichte funktioniert nicht, ohne sie zumindest zu erwähnen. Immer wieder hadert er insgesamt damit, seine Geschichte öffentlich zu machen. Nicht, weil er sich für seine Homosexualität schämt. Aber er will keine alten Wunden aufreißen. Denn nicht nur er litt unter der Situation. Auch seine Frau und die Kinder taten es. Die Verletzungen und Enttäuschungen trugen wohl dazu bei, dass der Kontakt irgendwann abriss. Trotzdem ermuntert ihn sein Mann Andreas, über alles zu sprechen und sich fotografieren zu lassen. „Das ist dein Leben und du solltest dazu stehen“, sagt er im Wohnzimmer und zieht sich dann leise in andere Räume des Hauses zurück.

Also erzählt Franz Karl Diestel. Nicht nur seine einstige Familie kommt darin vor, sondern auch die Kirche. Der 87-Jährige ist im Grunde ein überzeugter Christ, der tief in der katholischen Kirche verwurzelt aufwuchs und nach und nach alle Ämter ausübte, die es dort für Laien gibt. Aber sein Glaube wurde schon bald nach dem Coming-out auf die Probe gestellt. Das fing schon damit an, dass er als Katholik nach seiner Scheidung als exkommuniziert galt. Damit stand er außerhalb der Glaubensgemeinschaft. Von diesem Prinzip rückte die katholische Kirche erst vor wenigen Jahren ab. 1992 verließ Diestel die katholische Kirche. „Weil ich dort niemanden mehr gefunden habe, mit dem ich noch reden konnte“, erzählt er. Kirchen besuchte er trotzdem weiterhin. „Ich bin in die evangelischen gegangen“, sagt er.

Etwa zu dieser Zeit begann er auch damit, sich im ökumenischen Verein Homosexuelle und Kirche (HuK) in Hannover zu engagieren. Und er gründete die Selbsthilfegruppe „Schwuler Freundeskreis Hildesheim“, der sich 2007 in einen allgemeinen Freundeskreis umwandelte und unlängst auflöste.

2003 verlieh der damalige Ministerpräsident Christian Wulff Diestel die Medaille für vorbildliche Verdienste um den Nächsten. Es sei ihm gelungen, Menschen aller Altersgruppen und sozialer Schichten für die ehrenamtliche Arbeit in der HuK zu begeistern. 1999 sei er zudem einer der gleichberechtigten Vorstände des Schwulen Forums Niedersachsen geworden. Und seit dem Jahr 2000 widme sich Diestel intensiv dem Neuaufbau einer Selbsthilfegruppe schwuler Männer und lesbischer Frauen in Hildesheim, hieß es damals zur Begründung. Unter anderem habe er sich sehr um die Aufarbeitung der Schwulengeschichte der Hildesheimer Region verdient gemacht.

An dieser Stelle kommt man ganz automatisch zu dem Mann, über den Franz Karl Diestel viel lieber spricht als über sich selbst: zum Juristen Karl Heinrich Ulrichs, einem Vorkämpfer zur Befreiung homosexueller Männer vor gesetzlicher Verfolgung und gesellschaftlicher Ächtung. Ulrichs arbeitete von 1853 bis 1854 als Gerichtsassessor in Hildesheim. Später wurde er strafrechtlich verfolgt und floh ins Ausland. Er starb 1895 in Italien. Zu seinen Ehren wurde 2002 in Hildesheim eine Gedenktafel enthüllt, die sich heute im Stadtmuseum befindet.

Die Corona-Pandemie verhinderte die Feier zum 195. Geburtstag Ulrichs ’ am 29. August. Sie soll aber im nächsten Jahr, zum 196. Geburtstag, nachgeholt werden. „Zur Mittagszeit auf dem städtischen Friedhof L’Aquila in Italien“, wie es in der Einladung heißt. Ob Diestel hinfahren kann, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Fit genug wäre er, trotz seiner dann 88 Lenze. Aber die Auswirkungen von Corona könnten noch lange andauern.

Sein Leben mit Ehemann Andreas, der Einsatz für homosexuelle Menschen und das Anliegen der Gleichberechtigung ganz allgemein – sie sind trotz Corona geblieben. Und seine Aufrichtigkeit. „Ich bin immer einer gewesen, der offen und ehrlich war“, sagt er. Im Grund habe er drei Leben geführt, die annähernd gleichlang dauerten. Fast drei Jahrzehnte als lediger Mann, fast drei weitere mit seiner damaligen Familie – und ebensolche als schwuler Mann mit seinem neuen Partner und heutigen Ehemann.

Franz Karl Diestel ist schon vor 25 Jahren in den Ruhestand gegangen. Sein 21 Jahre jüngerer Mann hat es ihm gerade erst nachgemacht. Ganz gleich, ob homosexuell oder heterosexuell – an dieser Stelle müssen sich alle Paare zunächst einmal neu finden. Franz Karl Diestel wirkt dabei sehr entspannt. Er springt nicht wie ein junger Hüpfer durch die Wohnung. Aber er wirkt wie jemand, der zu sich selbst gefunden hat. Auch wenn der Weg dahin beschwerlich war.

Wie ein Spuk tauchen manchmal Erlebnisse aus der Vergangenheit auf. Die Erfahrung mit seinem inzwischen verstorbenen Bruder, der gesagt hatte, Hitler hätte ihn vergast, gehört dazu. Ein früherer Nachbar hatte mal gesagt, es wäre wohl besser gewesen, wenn Diestel gegen einen Baum gefahren und gestorben wäre.

Und ganz plötzlich gesellt sich auch wieder Spuk der neueren Art dazu. Als Gesundheitsminister Jens Spahn jüngst bekannt gab, dass er an Corona erkrankt sei, wurde in Internetforen anonym kommentiert, das hänge wohl mit dessen Homosexualität zusammen.

Es sind Reaktionen wie diese, die Franz Karl Diestel fassungslos machen. „Daran kann man erkennen, wie wichtig es heute noch ist, für Homosexualität einzutreten“, sagt er.

Text: Christian Harborth
Fotos: Julia Moras