Bye Bye Binary in Hannover

ELF KÜNSTLER*INNEN ERFORSCHEN GESCHLECHTSIDENTITÄTEN IN NEUER AUSSTELLUNG IM AUGUST

In der Ausstellung „BYE BYE BINARY“, die im August sowohl in den Weltspielen (ehemals Weidendamm) als auch im Monkey’s am Raschplatz eröffnet wird, gehen elf Künstler*innen auf Spurensuche, was Geschlechtsidentität und Gender für sie selbst und die Gesellschaft, in der sie leben, bedeutet. Kuratiert und organisiert wird die Ausstellung von der Performancekünstlerin Ilka Theurich (alle Pronomen) in Kooperation mit dem kreHtiv Netzwerk Hannover e. V., gefördert wird sie durch das Ministerium für Wissenschaft und Kultur Niedersachsen. Die zweiteilige Ausstellung wird am 01.08. in den Weltspielen und am 08.08. im Monkey’s eröffnet und ist an beiden Orten bis zum 29.08. zu sehen. Der Eintritt zur Ausstellung folgt einem solidarischen Preissystem: Statt eines festgelegten Preises mit den üblichen Ermäßigungen, zahlt jede*r Besucher* in für die Veranstaltung den Preis, den sie*er zahlen kann oder möchte. Zur Ausstellung werden wöchentlich Führungen durch Mitglieder des Beirats angeboten, außerdem ist ein Schreibworkshop und eine Lesung mit dem Autor* und Schreib- und Theaterpädagogen* Karu-
Levin Grunwald-Delitz (er*) geplant. In Kooperation mit der VHS Hannover wurde darüber hinaus ein kostenloses Ferienangebot für Schüler*innen entwickelt, in dem Kinder und Jugendliche der Jahrgänge 4-10 die Themen Mode, Identität und Gender sowie den Körper der Zukunft altersgerecht behandeln und entdecken können.

ABSCHIED AUS DER BINARITÄT

Im eigenen Kopf, im Familien- und Freund*innenkreis, in der Politik – das Thema Geschlecht sorgt überall für Diskussionsstoff. Die Theorie, dass Geschlechtsidentität (Gender) sozial konstruiert wird, ist in wissenschaftlichen Kreisen mittlerweile weit verbreitet, Rollenklischees und Stereotypen prägen unser Bild davon was „typisch männlich“ und was „typisch weiblich“ ist. Spätestens seit der Änderung des Personenstandsgesetzes im Jahr 2018, die die Angabe „divers“ ins Geburtenregister für Menschen ermöglicht, die weder dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet werden können, wird die Binarität der Geschlechter – das heißt die strikte Aufteilung in Frau und Mann – auch rechtlich infrage gestellt. Die kürzlich vom Bundestag abgelehnten Anträge zum sogenannten Selbstbestimmungsgesetz, zeigen allerdings, dass hier noch viele Fragen ungeklärt sind.

Die Ausstellung BYE BYE BINARY baut auf einem offeneren und diverseren Ansatz zur Geschlechtsidentität auf. Die beteiligten Künstler*innen erforschen durch Installationen, Videos, Skulpturen und Klangkunst bestehende Geschlechternormen und vor allem das eigene Erleben von Geschlecht, jenseits gesellschaftlich vorgegebener Grenzen. Im Vordergrund steht dabei die Frage, wie Geschlechtsidentität durch Performance geprägt und auch verändert werden kann, oft indem der Körper selbst als Skulptur behandelt wird. Ziel ist es Geschlechterfragen nicht nur theoretisch zu verhandeln, sondern ein ganz praktisches Verständnis dafür zu schaffen, was echte Gleichberechtigung bedeuten muss und diesen Diskurs in Hannover in eine möglichst breite Öffentlichkeit zu tragen.

„Mit dem Ausstellungsprojekt BYE BYE BINARY wollen wir unsere bisherigen Anstrengungen, auch gesellschaftskritische Themen künstlerisch-kreativ zu behandeln, weiter ausbauen“ sagt Christine Preitauer (sie), Geschäftsführerin des kreHtiv Netzwerks.

In der Ausstellung nähern sich die Künstler*innen dem Thema auf vielseitige Art und Weise. So zeigen das Künstler*innen-Duo Charlotte Maria Kätzl (sie) und Conrad Veit (er*) unter anderem ihren für den Teddy nominierten Kurzfilm „Blastogenese X“, der am 11.06. seine Weltpremiere auf der 71. Berlinale feierte. Dieser bewegt sich in offener Form zwischen Tierdokumentation und Science Fiction und zeigt Hybride zwischen Tierischem und Menschlichem, die sich zwischen den biologischen Geschlechtern bewegen. Sie hinterfragen damit nicht nur konstruierte Geschlechterbinaritäten und -stereotype, sondern auch die Grenzziehung zwischen Mensch und
Tier. Die Künstlerin Martina Morger (sie) zeigt mit „Softly Polished Machinery“ zur Vernissage am 01.08. eine serielle Live-Performance, in der sie mit Text und Bewegungen von gestressten Körpern und fehlerhaften Maschinen erzählt. In ihrer Arbeit reflektiert Morger über Weiblichkeit als Apparat und Einnahme von Raum als politischen Körper. Mit seinem fortlaufenden Opernprojekt „Alex in Transition“ beleuchtet Anthony R. Green (er) das Leben von Alex – einer Transfrau und ihre Reise zur Wahrheit und einem authentischen Leben. Die Oper ist dafür geschrieben von Menschen mit Transidentität performt zu werden. Eine elektronische Version der Oper wird als
Klanginstallation im Monkey‘s am 08.08. seine Weltaufführung bekommen und anschließend dort für die Zeit der Ausstellung zu hören sein. Das Libretto wurde von crazinisT artisT (“sHit”) aus Ghana unter der Regie von Green gelesen. Auch crazinisT artisT stellt in der Ausstellung eine digitale Variante der Performanceserie „Rituals of Becoming“ aus.

EIN KOLLABORATIVER PROZESS

Um die Ausstellung möglichst offen, divers und inklusiv gestalten zu können, wurden die Kuratorin Ilka Theurich und das kreHtiv Netzwerk durch einen breit aufgestellten Beirat aus zwölf Expert* innen unterstützt, darunter Akteur*innen wie Leyla Ercan (sie, Agentin für Diversität am Staatstheater Hannover) oder Stephan Kaps (er, Programmbereichsleitung Kultur an der VHS Hannover), aber auch Aktivist*innen wie die Grafikdesignerin und Musikerin Lu Yu Zou (sie; u.a. beim queer-feministischen Kollektiv soft spot). Sie prägten sowohl die Konzeption der Ausstellung als auch die Auswahl der Künstler*innen aktiv mit. Auch die Auswahl der Nachtclubs, in denen
die Ausstellung gezeigt wird, war ein bewusster Prozess: ein Bewusstsein für das Thema Awareness rund um Sicherheit, Zugänglichkeit und Wohlbefinden von Besucher*innen stand hier im Vordergrund.

Entstanden ist eine vielseitige Ausstellung, die das Thema Gender in all seinen Facetten und auf ganz individuelle Weise beleuchtet. Zu sehen sind Arbeiten von Charlotte Maria Kätzl (sie) & Conrad Veit (er*), crazinisT artisT (sHit, if not she), Alex Heide (sie), Anthony R. Green (er), Anna Eisermann (sie), Sur*Limes (Sur*), Lexi Schnäbele’s (alle Pronomen – in transition), Martina Morger (sie), Sophia Lökenhoff (sie) und Karu-Levin Grunwald-Delitz (er*).

Bild & Text by KreHtiv