§ 175 StGB – Zeitzeugen berichten in Goslar

Seit 1872 stellte der § 175 StGB einvernehmliche homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. In der Bundesrepublik wurden schwule Männer nach 1945 von Polizei und Justiz weiter auf der Grundlage des in der NS-Zeit verschärften Paragraphen unerbittlich verfolgt. Zum 1. September 1969 wurden die §§ 175/175a StGB erstmals liberalisiert. Erst 1994 wurde als Folge der deutschen Wiedervereinigung der § 175 StGB endgültig aufgehoben. 2017 stellte der Deutsche Bundestag mit breiter Mehrheit fest: Diese Strafverfolgung war von Anfang an Grundgesetz widrig; per Gesetz hob er Unrechtsurteile auf und ebnete den Weg für eine Rehabilitierung und Entschädigung der Betroffenen.
Razzien, Denunziation und ständige Angst gehörten – neben 100.000 Strafverfahren und 50.000 Verurteilungen – für schwule Männer bis 1969 zum Alltag. Denunziation reichte vielfach für den Verlust der bürgerlichen Existenz aus.

In einer Informationsveranstaltung berichtet der Zeitzeuge Günter Werner, 75 Jahre, über seine Verurteilung nach § 175, sein Leben danach und seine Rehabilitierung und Entschädigung.
Marcus Velke-Schmidt, Mitarbeiter des Beratungstelefons bei der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS) e.V., berichtet über seine Arbeit an der Hotline 0800 175 2017 und über die Wege zur Entschädigung, die 2019 auch für bestimmte Härtefälle erweitert wurde.
Georg Roth, NRW-Fachberatung für gleichgeschlechtliche Lebensweisen im rubicon e.V., Köln, berichtet im Gespräch mit dem Publikum von der Arbeit für und mit älteren Schwulen in NRW. Welchen Einfluss hat die jahrzehntelange Erfahrung von Verfolgung und Diskriminierung für das Leben hochaltriger homosexueller Männer und den Zugang zu Angeboten der Altenhilfe? Was können wir tun, um ein selbstbestimmtes Alter sowie Diskriminierungsfreiheit auch in der Pflegesituation sicher zu stellen?

Wir laden ältere Schwule und alle Interessierten ein, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich über ihre Lebenssituation im Landkreis Goslar auszutauschen. Wir möchten mehr Sensibilität für das Thema schaffen und rufen zur Solidarität mit schwulen Senioren auf. Das Treffen zum Thema § 175 soll auch dazu beitragen, Angebote für diskriminierungsfreie Senior*innenarbeit und Altenhilfe im Landkreis Goslar zu fördern.

Die Veranstaltung findet statt am 17. Mai, dem „Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie” (engl. IDAHOBIT). Er ist zugleich auch der letzte Tag der “Sprach- und Lesewoche “Sprach- und Lesewoche im Landkreis Goslar 2020”. Sie wird organisiert von “SVeN – Schwule Vielfalt erregt Niedersachsen”, eine Präventionskampagne der Aidshilfe Niedersachsen für Männer, die Sex mit Männern haben.

Das Projekt „§ 175 StGB, Zeitzeugen berichten“ wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und aus Mitteln des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung durch das „Queere Netzwerk Niedersachsen- QNN“ gefördert. Die Ev.-luth. Kirchengemeinde Neuwerk in Goslar stellt den Raum zur Verfügung.

Die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren e.V. (kurz BISS) ist ein bundesweit tätiger Fachverband für die Interessen und Selbsthilfe von älteren Schwulen.
http://schwuleundalter.de/

Nachfragen und Anmeldung:
SVeN im Harz Koordinator René Daniels
05322-5569711
rene@svenkommt.de